Vorüberziehende Riesenfische und himmlische Zeitzonen

In einer Textmontage spricht der österreichische Schriftsteller Christoph Szalay bei einer Lesung im Literaturhaus Wien Bilder von der Überwindung des Raumes an. Das kann Migration sein, Eroberung, Wanderung, Raubzug aber auch Sehnsucht und Neugier.

Sein bislang unveröffentlichter Text „SPACE=WOW (BUT I STILL MISS YOU EARTH)“ ist eine Montage aus der Textflut unserer Welt. Unvermittelt blitzen Momente auf, die mich auf meiner Reise durch die Galaxien von No Man’s Sky (NMS) bewegen: Menschliche Wanderungen auf unserem Planeten, gestern und heute, in denen die Grundmuster für die Eroberung des Weltraumes entwickelt wurden; die Raumfahrteuphorie des letzten Jahrhunderts (Helden, Heroen, Himmelsstürmer); es kann Mythologie sein (Kentauren) oder die Idee vom Fortschritt, der den Entdeckern und Eroberern zu danken ist; eine ausführliche Bezugnahme auf die Mechanismen der Entdeckung (sein eigenes Maß finden, eine neue Welt zeichnen, Territorium, Jagdgrund, Heilige Stätte, der Herr der Wildnis und Kolonisator, Fahnen, „exploration as cash flow positive procedure“). Man müsste diesen Text zur Gänze hier abbilden, weil er unbeabsichtigt und ohne es zu kennen, hilft, NMS zu verstehen.

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Denn bei fortgeschrittener Reise in NMS wird klar, dass sich Nomasky in einer für die Gegenwart gebautem Universum bewegt, das die Archetypen der gefährlichsten aller Tierarten, nämlich des Homo Sapiens aufnimmt, aber kaum kritisch hinterfragt. Wie auch in seiner Geschichte des Homo Sapiens strömen wir als Reisende nicht in „unentdeckte“, sondern bereits besiedelte Räume, um die dort vorgefundenen Ressourcen cash-flow-positiv nutzen zu müssen, um das große Ziel, von dem man im Grunde nicht weiß, worin es besteht, zu erreichen. Zentral wird dabei die Ausbeutung der Rohstoffe von Planeten, schwächlich bewacht von Drohnen, die gefährlich aber sehr berechenbar sind. Die Alien-Rassen, Herren der Welt, in denen wir uns als Himmelstürmer bewegen, verkommen zur Staffage des eigenen Expansionswunsches. Sie sind Mittel zum Zweck, kein vollwertiges Gegenüber. Heiligtümer und alte „Schriften“ – nie nutzen wir sie als Quelle, um uns Wissen anzueignen. Die „Lore“ (der Mythos?) von NMS interessiert uns nicht. Nie ernst genommen werden die Korvax, Gek und Vy‘ keen. Sie sind überzeichnet mit grausamen, tierischen, olfaktorisch unangenehmen und dümmlich wirkenden Zügen: Exotismus pur! Selbst die (kaum genutzte) Möglichkeit zur ihrer Erforschung verkommt zum dumm-brutalen Eroberungsgehabe. Das hatten wir schon so oft bei der realen Kolonialisierung unserer (RL-) Welt.

Andere haben diese Problematik in NMS bereits beschrieben und kritisiert:

So hat, ohne es zu wollen, der Autor Christoph Szalay einen Kommentar zu einer prosaischen Welt geschrieben und mit literarischen Mitteln die Problematik des Entdeckens, Eroberns und Räume- Überwindens des Homo Sapiens beleuchtet. Die Sehnsüchte, die Pathetik, das Getriebensein von einer Wunschmaschinerie der kapitalistischen Welt – all das bestimmt uns mächtig. Wie Szalay im Rahmen seiner Lesung erklärte, soll sein Text in einer Art szenischer Umsetzung bald veröffentlicht werden. Wir blicken dem mit Spannung entgegen. Nomasky bedankt sich schon jetzt für den erhellenden schönen Text.

Ein Spiel ist nie nur ein Spiel, sondern Reflexion unserer psychischen Befindlichkeit, unserer Phantasien, dessen, was sich gut an die Konsumenten bringen lässt. Es liefert einen Interpretationsvorschlag, eine Matrix für die Welt in und um uns. Es lädt uns ein, uns darauf einzulassen. Hello Games hat etwas geschaffen, das in seiner Unendlichkeit und Fantastik überwältigt. Ob wir dagegen andenken wollen, bleibt uns überlassen. Spielen als Selbsterkenntnis, das möge es sein!

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