Archäogaming in No Man’s Sky: Die Kinder des Atlas

Die Reise in NMS scheint auch für ArchäologInnen ein Gewinn zu sein. Das wird auf den ersten Blick offenbar. Wir entdecken auf unseren Expeditionen Artefakte und elektronische Nachrichten von Kulturen, welche die von uns beforschten Planeten und Sternensysteme schon vor uns „heimgesucht haben“. Bis heute beweisen sie ihre Macht, indem sie uns, die wir ihre Territorien bereisen, Nachrichten zukommen lassen. Wir werden  auf unterschiedliche Weise zu und von ihnen geleitet, nicht nur wenn wir uns am Beginn der Reise dazu entschieden haben, dem Weg des Atlas zu folgen. Ruinen, Gegenstände, Inschriften, ja sogar pädagogisierte Lernprozesse begegnen uns, wir nehmen sie zur Kenntnis und setzen uns  mit ihnen mehr oder weniger  intensiv auseinander. Als Archäonauten sind wir zu Kindern des Atlas geworden, wenn wir uns nur darauf einlassen wollen. Obwohl unter Archäogaming mehr zu verstehen ist, als die Erkundungsprozesse, die ich hier andeute, verfolge ich die Ideen des Archäogaming mit großem Interesse und plane zur gleichen Zeit selbst einige, zugegeben dilletierende Versuche zur Erkundung des immateriellen  Raums von NMS und anderer Welten. Ich versuche, die vorgefundenen Kulturen näher zu beschreiben und werde so zum Hobbyhistoriker.

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Wer sich tatsächlich näher mit Archaeogaming auf NMS beschäftigen will, dem sei zur Einführung dieser gut recherchierte Beitrag in deutscher Sprache auf Gamepro empfohlen. Darin wird auch auf das vordergründige Motiv hingewiesen, warum sich die Archäologie eigentlich auch mit Gaming beschäftigen will. Denn eine Vielfalt von Spielen (Lara Croft, World of Warcraft u.v.a.m.) haben entweder direkt mit Archäologie und ihren Artefakten zu tun oder verweisen in ihrem immateriellen Raum auf prähistorische und historische Spuren, die im Sinne einer „Story“ eingesetzt werden und den Spieler (=Reisenden) auf die historische Folie projizieren. Viel an Artefakten dieser immateriellen Welten wird von ihren Schöpfern zunächst mühsam erschaffen, nur um letztendlich der Zerstörung durch ihre Nutzer preisgegeben zu werden. Geschichte wird so nicht nur zum Bühnenbild sondern auch zum Interaktionsraum ihrer Nutzer.

Das Online Magazin versions hat in seinem Artikel „The Future of Archaeology Starts with No Man’s Sky“ auf  Meghan Dennis, eine us-amerikanische Archäologin hingewiesen, die den Begriff folgendermaßen definiert:

Archaeogaming ist die Nutzung von immateriellem Raum, um die darin geschaffene Kultur zu erforschen, das betrifft insbesondere Videospielen. Dabei muß die Spielwelt, die selbst durch die Begrenzungen ihrer Hard- und Software sowie den jeweils gewählten Codes  definiert ist, sowohl als geschlossenes Universum als auch als Verlängerung der sie umgebenden Kultur, die sie erschaffen hat, betrachtet werden. Alles, was in diesen immateriellen Raum einfließt, kommt so oder so von einer externen Quelle. Wenn wir Kulturen in Spielen erforschen, begegnen wir denselben Problemen wie bei Kulturen der materiellen Welt.  Archaeogaming ist eine untergeordnete Disziplin (der Archäologie), die diesselben Standards braucht, wie sie bei der physischen Sammlung von ausgegrabenen Artefakten zur Anwendung kommen,  allerdings mit einem unterschiedlichen Set an Instrumenten. Archaeogaming schafft auch die Möglichkeit, Spielwelten dazu zu nutzen, um Praxis, Theorie und Rezeption unserer Disziplin zu reflektieren.

(Übersetzung aus dem Englischen)

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Ein  in diesem Zusammenhang anderer wichtiger Name ist Andrew Reinhard mit seinem Archaeogaming-Blog, vor allem deshalb, weil er auf Basis seiner Erfahrungen mit anderen immateriellen Räumen in Videospielen ein Unternehmen gestartet hat, das sich „No Man’s Sky Archaeological Survey“ (#nmsas #nmsarchaeology auf twitter)  nennt. Wie der Website day of archaeology zu entnehmen ist, soll ein Team von Forschern speziell ausgewählte Planeten auf NMS umrunden und spezielle Oberflächenerscheinungen zu geotaggen, um nach der Landung diese in Feldbegehungen systematisch erforschen zu können. Dabei interessieren innerhalb eines größenmäßig genau definierten Gebietes insbesondere die Anzahl und Typen der vorgefundenen Artefakte. Diese werden durch Screenshots und  Videos dokumentiert. Das Team bedient sich dabei eines Datenmanagementsystems namens FAIMS (Field Acquired Information Management System), in dem nach genau definierten Kategorien dokumentiert wird. Erhoben werden u.a. die Namen der besuchten Planeten, die entsprechenden Geotags, der Oberflächentyp des Planeten bzw. Mondes, der Ort und die Beschreibung des Artefakts u.a.m. Nach einer einmonatigen Startphase soll ein White Paper erstellt werden, in dem Beispiele erfolgreicher Forschungsdokumentation und standardisierte Begriffe und Typologien präsentiert werden sollen. Nach weiteren drei Monaten soll ein vorläufiger Bericht online gestellt werden, dem nach einem Jahr ein weiterer Bericht folgen soll.

Daß es sich bei diesem Unternehmen um einen für die Forscher sehr ernsthaften Prozeß handelt, kann man alleine schon aus dem Code of Ethics ersehen, den Reinhard auf seinem Blog veröffentlicht hat. In der Präambel dieses Codex wird festgehalten:

Für die Zwecke der Untersuchung wird das Universum („in-universe“ oder „in-game universe“) als eine Simulation eines real existierenden Universums betrachtet. Beim Eindringen in dieses Universum und seine Erforschung  erheben sich eine Reihe ethischer und sozialer Fragen. Dieser Codex hat es sich zur Aufgabe gestellt, mögliche ethische und soziale Fragen anzusprechen, indem sechs Prinzipien formuliert werden, die das Verhalten der an diesem Forschungsvorhaben beteiligten Personen im Spieluniversum („Archaeonauten“) leiten sollen, ebenso die Art, wie mit den gesammelten Daten des „in-universums“ umgegangen werden soll.

(Übersetzung aus dem Englischen)

Inzwischen ist zu diesem Projekt eine Website erschienen, in der von Reinhard ausführlich Stellung zur NMSAS bezogen wird, the children of atlas. Die Website enthält eine Liste von derzeit rund 30 beteiligten ForscherInnen, eine Liste der auf twitch oder youtube erschienenen Livestreams, den oben erwähnten „Code of Ethics“ und eine Liste von ausgewählten Forschungstagebüchern.

Nomasky ist gespannt, wie sich dieses Projekt weiterentwickeln wird. Deshalb wird davon gerne weiterhin berichtet werden, auch von den eigenen Erkundungen.  Dass die jüngsten Turbulenzen um No Man’s Sky einen direkten Einfluß auf die Unternehmung NMSAS haben wird, glaube ich nicht.

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